In letzter Zeit findet man immer wieder Finanztipps, extra für Frauen. Das erweckt den Eindruck, als bräuchten Frauen eine besondere Finanzberatung – was steckt dahinter? Unsere Mentorin Claudia Müller vom Female Finance Forum klärt auf!

Finanzberatung für Frauen, ist das notwendig?

Frauen benötigen keine rosafarbenen Versicherungen, und auch sonst funktioniert der Finanzsektor für alle Menschen gleich. Allerdings gibt es zwei große Bereiche, in denen Frauen und Männer unterschiedlich ticken: Die Lebensrealitäten und die Herangehensweise an das Thema Finanzen.

Zunächst unterscheiden sich die Lebensrealitäten zwischen Männern und Frauen:

  • Geschlechterspezifische Lohnlücke: Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer. Das wirkt sich sowohl auf unser Einkommen aus (Lohnlücke), als auch auf unsere Rentenpunkte (Rentenlücke) und auf unsere Möglichkeit, Geld zu sparen und zu investieren (Investitionslücke).
  • Lebenserwartung: Frauen werden im Schnitt etwa fünf Jahre älter als Männer. Das heißt, dass wir mit weniger Geld länger leben – wir müssen also ganz anders planen und sparen.
  • Kinder: Meistens sind es Frauen, die länger Elternzeit nehmen und/oder danach in Teilzeit erwerbstätig sind. Dementsprechend bekommen Frauen weniger Rente und haben zudem weniger Möglichkeiten, Geld beiseite zu legen. Nach einer etwaigen Trennung oder Scheidung bleiben die Kinder meistens bei der Frau. So toll Kinder sind – sie sind teuer. Wenn wir alleinerziehend sind, ist es sehr schwierig, einer Vollzeit-Erwerbstätigkeit nachzugehen. Wir verdienen dadurch wieder weniger als die Männer (von den Karriereaussichten ganz zu schweigen), während wir gleichzeitig durch die Kinder höhere Kosten haben.
  • Pflege: Der Großteil der Pflege von Angehörigen (übrigens selbst, wenn es die Angehörigen des Mannes sind) wird von Frauen übernommen. Dies birgt ähnliche finanzielle Hürden wie das Kinderkriegen.
  • Trennung: Im Normalfall wird alles Vermögen, das während der Ehe-Zeit hinzuverdient wurde, zum Zeitpunkt der Scheidung zu gleichen Teilen auf die beiden Partner aufgeteilt. Das gilt für eine Immobilie ebenso wie für die Rentenpunkte. Allerdings tritt die durchschnittliche Scheidung in Deutschland nach 14 Jahren Ab diesem Zeitpunkt ist jeder Partner auf sich selbst gestellt. Für Männer sind das häufig die „fetten Jahre“ mit hohem Gehalt und hohen Rentenansprüchen; für Frauen, die weiterhin die gemeinsamen Kinder betreuen, sind das weiterhin eher magere Jahre. Während dieser Zeit ist der (häufig besserverdienende) Partner nicht mehr verpflichtet, die weniger gutverdienende Ex-Partnerin finanziell zu unterstützen; sie ist nach dem Karriereknick und in Teilzeit auf sich alleine gestellt.

Hinzu kommt eine andere Herangehensweise an das Thema Geld:

  • No risk, no fun? Entgegen aller Klischees: Frauen sind nicht risikoscheu. Wir sind risikobewusst. Das heißt, dass wir mehr Informationen haben wollen, bevor wir eine Entscheidung treffen. Das führt dazu, dass wir sehr gute Investorinnen sind. Gleichzeitig führt das auch dazu, dass wir länger brauchen, bis wir eine Entscheidung treffen. Und das bedeutet verlorene Zinseszinsen und somit weniger Gewinn auf unsere Investitionen, einfach weil wir später anfangen.
  • Trau dich – oder nicht? Bereits in der Schule sind Mädchen in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zurückhaltender als in anderen Fächern – allerdings nur, wenn auch Jungs in der Klasse sind. Dasselbe Verhalten lässt sich beim Thema Finanzen erkennen: Männer dominieren, Frauen halten sich zurück, insbesondere bei einem männlichen Finanzberater.
  • Verkauf oder Empfehlung? Wir Frauen legen hohen Wert auf die Empfehlungen unseres Umfelds, insbesondere unseres weiblichen Umfelds. Wenn aber über Geld nicht geredet wird, kann uns niemand etwas empfehlen. Zudem sind die Finanzberater meistens männlich und haben ein Interesse daran, uns ein Finanzprodukt zu verkaufen, anstatt uns zu beraten.

Diese Unterschiede sollten bei der Finanzplanung beachtet werden. Bislang richtet sich der Finanzsektor aber hauptsächlich an die männlichen Kunden und blendet die Bedürfnisse der weiblichen Kundschaft aus.

Geld macht nicht glücklich!

Muss sich denn immer alles um Geld drehen? Immerhin: „Geld macht nicht glücklich.“ Dieses Sprichwort kennen die meisten von uns. Tatsächlich ist es aber nur halb zutreffend. Die Bundesregierung hat in einer Befragung herausgefunden, dass finanzielle Absicherung eine der Grundlagen für Lebensqualität ist. Menschen mit Schulden haben ein höheres Risiko, depressiv zu werden oder Angstzustände zu entwickeln. Außerdem machen Geldsorgen einsam, denn viele soziale Aktivitäten kosten Geld. Im ersten Schritt geht es also nicht darum, reich zu sein; es geht darum, dass es reicht.

Zudem schränken uns Geldsorgen in unserer Entscheidungsfreiheit und unserer Entscheidungsqualität ein. Bei vielen Entscheidungen, bei denen es vordergründig um Mut geht, geht es hintergründig um Finanzen: Der Sprung in die Selbständigkeit fällt leichter, wenn ausreichend Rücklagen vorhanden sind, um ein Scheitern zu überstehen. Langfristige Pläne beruhen häufig auf zuverlässigen langfristigen Finanzflüssen durch ein geregeltes Gehalt oder andere regelmäßige Einkommensquellen.

Bei Betrachtung der Rentenentwicklung sehen wir zudem, dass das Rentenniveau seit 1980 kontinuierlich gesunken ist. Uns auf die (gesetzliche und betriebliche) Rente allein zu verlassen, ist blauäugig. Wir müssen uns also aktiv um unsere Finanzen kümmern. Das gilt für die Altersvorsorge ebenso wie für die kurz- und mittelfristige Finanzplanung.

Wo kann ich mich unabhängig informieren?

Es gibt viele unabhängige Informationsquellen: YouTube-Videos, Bücher, Zeitungen, Blogs… Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Wichtig ist, dass die Quelle unabhängig ist. Dafür bieten sich die klassischen Verbraucher-Portale wie die Verbraucherzentrale oder Stiftung Warentest an. Generell ist eine hilfreiche Frage bei der Beurteilung einer Quelle: Was hat die Person davon, dass sie mir dieses Produkt empfiehlt? Hat sie selbst einen Vorteil daraus, oder empfiehlt sie mir das aus wirklicher Überzeugung?

Sei das Vorbild, das du dir gewünscht hast!

Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für ein neues Vorhaben ist der Glaube daran, dass es möglich ist. Für diesen Glauben sind Vorbilder immens wichtig. Vorbilder zeigen uns, dass andere Menschen, die uns womöglich ähnlich sind, etwas bereits geschafft haben; damit zeigen sie uns, dass wir es auch schaffen können. Solche Vorbilder sind zum Beispiel über ein Mentoring-Programm zu finden, das gezielt den Kontakt zu Menschen herstellt, die uns als Vorbild und Ratgeber*in inspirieren und motivieren können. (Deine/n Mentor*in findest du hier)

Wie fange ich an?

Zunächst ist es wichtig, über Geld zu reden: Mit dem Partner/der Partnerin, mit unseren Kindern, mit den Freundinnen. Jede Einzelne kann anfangen, das Tabu rund um das Thema Geld zu durchbrechen. Dann sollte ich mich mit einer Bestandsaufnahme befassen: Wieviel kommt rein, wieviel geht raus, und wieviel kann ich sparen? Dabei hilft ein klassisches Haushaltsbuch (oder modern als App) enorm. Der Sparbetrag geht zunächst in den Aufbau eines Notgroschens, also eines finanziellen Ruhekissens, von dem wir drei bis sechs Monate leben können. Und dann geht es ans Investieren. Auch hierbei ist der wichtigste Schritt, aktiv zu werden. Dafür müssen wir nicht alles bis ins letzte Detail verstanden haben: 80% richtig ist besser als 100% nicht gemacht. Außerdem ist es möglich, bereits ab 25€ z.B. in einen breit gestreuten Aktienfonds zu investieren. Wir müssen nicht reich sein, um zu investieren. Wir müssen investieren, damit es reicht.

Mit Finanzen ist es wie mit einer Fremdsprache: Am Anfang ist es mühsam, die Vokabeln zu lernen. Aber mit der Zeit geht es uns immer leichter von der Hand und wir entwickeln Freude daran.

Über das Female Finance Forum

Die Ökonomin Claudia Müller hat mehrjährige internationale Arbeitserfahrung u.a. bei der Deutschen Bundesbank, wo sie für das Thema „Green Finance“ verantwortlich war. 2017 hat sie das Female Finance Forum gegründet. Im Female Finance Forum lernen Frauen den Umgang mit Geld und Finanzprodukten. Es findet kein Verkauf von Finanzprodukten statt, sondern Frauen bekommen die Grundlagen der finanziellen Bildung übermittelt. Mittlerweile wird sie regelmäßig von Bildungseinrichtungen und Firmen für Vorträge und Seminare gebucht, um Frauen und Männer für die Rolle von Finanzen für unser Leben und in unserer Gesellschaft zu sensibilisieren. Claudia ist außerdem Mentorin bei MentorMe und unsterstützt mit ihrer Expertise ehrenamtlich junge Frauen in Sachen Karriere und Finanzen.

Buchtipp: Finanzen – Freiheit – Vorsorge  

Diese und ca. 180 weitere Seiten voll kompakter und verständlicher Informationen gibt es in Claudias Buch „Finanzen – Freiheit – Vorsorge: Der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit – nicht nur für Frauen. In diesem Buch erkläre sie, wie Finanzplanung funktioniert und wie man Geldanlage in die Tat umsetzen kann. Für alle Menschen, die ihre Finanzen endlich in die eigenen Hände nehmen wollen

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