Karin hat einen Umbruch als Chance genutzt und MentorMe gegründet. Wie sich das alles entwickelte, erzählt sie mir im Spindler in Berlin-Kreuzberg.

Karin beeindruckt mich von Anfang an mit ihrer herzlichen Offenheit und Ehrlichkeit. Als ich Ihr von meiner Blogidee erzähle, ist sie sofort begeistert: „Ich finde es gut, wenn man auch liest, dass das alles ein ziemlich steiniger Weg ist.“ Und so kommt es, dass wir uns an diesem Mittwoch Mittag zum Business Lunch Nahe des Landwehr Kanals im Spindler treffen und Karin mir ihre Geschichte erzählt.

Wien, New York, Berlin

Ursprünglich kommt Karin aus Österreich, und das hört man ihrem charmanten Dialekt auch an. Bevor sie nach Berlin gekommen ist hat sie mit ihrem Mann vier Jahre lang in New York gelebt, dort studiert und gearbeitet – unter anderem im Finance-Bereich bei einem Wallstreet-Unternehmen.

Irgendwann beschlossen die beiden ihre Koffer zu packen und auf eine einjährige Weltreise zu gehen, auf der sie sich Hals über Kopf in Berlin verliebten. „Für uns hatte die Stadt einen ganz ähnlichen Vibe wie New York.“ London wäre auch eine Option gewesen – aber das war dann doch „zu klassisch“.

Gewohnte Strukturen zurücklassen

Und so zogen sie kurzerhand in die Deutsche Hauptstadt: Karin fand bald einen Job als Referentin und dann als International Officer für die FDP. Doch mit der Wahl 2013 war auch dieser verloren – „Das war für mich natürlich erstmal ein totaler Schock – aber gleichzeitig eine Chance. Ich war gezwungen, meine gewohnten Strukturen zurückzulassen,“ erinnert sie sich.

„Tilman, glaub mir, es war nicht einfach.“ Immer wieder flicht Karin den Vornamen ihres Gegenübers in das Gespräch ein und schafft so eine Nähe, als würde man sich schon lange kennen. Diese Stärke, Nähe aufzubauen und ganz offen mit Menschen zu sprechen, machte sie dann auch zu ihrer neuen Berufung.

Was kannst Du? Was macht Dir Spaß?

Doch zunächst führte sie der Drang, etwas direkt für Menschen zu tun, ein halbes Jahr nach Indien, aufs Land in die Nähe von Mumbai. „Eine ganz andere Umgebung, als die die ich kannte – und dadurch eine wunderbare Erfahrung.“ Und hier wurde auch der Grundstein für MentorMe gelegt: „Ich habe erkannt, dass man so viel mehr schaffen kann, als man glaubt, wenn man Herausforderungen annimmt, die einem zwar Angst machen, die einen aber auch reizen.“

Zurück in Berlin fragte sich Karin drei entscheidende Fragen: Was kannst Du? Was macht Dir Spaß? Wie kannst Du etwas für Menschen tun? Und am Ende ihrer Übung stand da „die Entwicklung von Networking-, Workshop- und Mentoring-Formaten, die Menschen befähigen und fördern ihre Stärken zu nutzen.“ Die Idee für MentorMe war geboren: ein berufliches Förderprogramm für junge Frauen, um in der Berufswelt Fuß zu fassen.

Nicht nur gute Gründe – auch Schicksal

„Aber, Tilman, es gehören nicht nur gute Gründe dazu, etwas zu aufzubauen. Das ist auch einfach Schicksal,“ beschreibt Karin ihre damalige Situation. Es braucht also eine Mischung aus strategischem Herangehen, Glück und Mut. „Ich hätte mir früher nie vorstellen können, etwas Eigenes zu starten.“ Unterstützung fand sie bei Project Together, die sie immer wieder motivierten: „Es gibt so viele Leute, die Dich kritisieren und zweifeln. Die Macher von Project Together haben immer wieder gesagt: Wir glauben an Dich – mach das jetzt!“

Und dann machte sie einfach: Per Facebook fragte sie, ob es junge Frauen gäbe, die sich für ein Mentoring-Programm interessierten. Und so kamen die ersten Bewerberinnen. Im Gründungsjahr 2015 sollten es eigentlich 20 sein – es wurden 50. „Der Bedarf ist enorm,“ sagt Karin während wir unseren Lunch fast verspeist haben. Mit Werbung an Unis und Facebook erreicht sie ihre jungen Mentees – über Netzwerke in Unternehmen ihre Mentorinnen und Mentoren. 2016 waren es schon 130 Mentees – 2017 sollen bis 200 Teams gematched werden. Neben Sponsoring von Unternehmen finanziert sich MentorMe inzwischen auch über moderate Beiträge der Mentees – sofern sich diese einen Beitrag leisten können.

„Stiftungen sehen Dich als zu unternehmerisch – Unternehmen als zu gemeinnützig“

Bisher hat das Unternehmen keine Förderung durch Stiftungen erhalten. „Wie viele Sozialunternehmen bewegen wir uns in einem Spannungsfeld: Stiftungen sehen Dich als zu unternehmerisch, Unternehmen sehen Dich als zu gemeinnützig an. Ich finde es wichtig, dass endlich akzeptiert wird, dass auch Sozialunternehmerinnen und –unternehmer Geld verdienen müssen.“ Initiativen wie den Send e.V. kann Karin daher nur begrüßen: „Tolle Initiative!“

Auch wenn es finanziell am Anfang sehr eng war: Inzwischen ist ihr Team auf acht Personen angewachsen. Und für die nächsten Jahre? „Tilman, zunächst wollen wir den Roll-Out in München und Frankfurt. Und dann die DACH-Region. Irgendwann will ich auch wieder nach Österreich…“

Artikel ursprünglich hier erschienen.

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